Komplexität

Komplexe Systeme sind weder kompliziert noch unverständlich. Sie sind nur anders. Ein Baum zum Beispiel ist ein gutes Beispiel, um das zu verdeutlichen. Die – mittlerweile – recht ansehnliche Buche in unserem Garten hat auch einmal als ganz kleiner Sprössling angefangen – ein einziges Fraktal. Dieses Fraktal hat sich dann immer weiter multipliziert – bis die heutige Buche daraus wurde.

Es ist immer noch „nur“ ein Fraktal, nur eben ganz oft dupliziert, aber immer ein wenig anders. Aber das ist nicht alles, denn zu dem Baum-Fraktal gehört noch viel, viel mehr; mehr als mir wahrscheinlich spontan einfällt. Wenn ich nicht irgendwann „Stop!“ sage, geht das weiter und weiter – bis ich zuletzt über den Kosmos spreche.

Der Baum existiert nur, weil alles andere existiert – und zwar wirklich anders. Einen Baum gibt es nicht ohne Sonne. Eine Sonne ohne Galaxie – geht nicht. Eine Galaxie ohne Universum – geht genauso wenig.

Das ist Komplexität: Sie hört sozusagen nie auf, solange ich keine willkürliche Grenze ziehe und ein klar umgrenztes System „identifiziere“. Nur ist das willkürlich, aber praktisch. Aber auch nicht vollkommen willkürlich. Wir erleben die Welt als aus einzelnen Dingen bestehend, doch in Wirklichkeit gibt es nur Eines, das uns zwar differenziert erscheint, aber in Wirklichkeit etwas anderes ist.

Systeme sind einerseits existent und andererseits auch wieder nicht. Wenn meine Frau etwas von mir möchte, dann ist es hilfreich, mich als System – und natürlich auch sie – zu identifizieren, sonst könnte sie mich nicht rufen und ich wüsste nicht, wer mich ruft. Und auch wenn „ich“ mich nicht als System definiert hätte, würde mein Herz sich nicht darum bemühen, diesen Körper mit Blut zu versorgen.

Ein scheinbar in sich abgeschlossenes System, aber eben nur scheinbar. Wäre ich abgeschlossen, hätte ich nichts zu atmen und nichts zu essen und könnte das, was ich aufnehme, nur schwer wieder entsorgen. Und ohne mit irgendetwas zu kommunizieren – gruselige Vorstellung. Also bin ich ein abgeschlossenes System und doch wieder nicht.

Wenn Sie also denken, den Peter Zettel gibt es nicht, dann haben Sie recht. Aber auch nicht, denn beides ist korrekt. Falls Sie sich jetzt fragen, ob das auch auf Sie selbst zutrifft – tut es. Es ist schon komisch, dass sich viele Menschen in der Komplexität regelrecht verlieren, weil sie nicht beherrschbar erschient.

Nun, beherrschen kann ich sie nicht, aber ich kann mich sehr gut darin bewegen. Ich brauche nur die Struktur zu kennen und nicht zu denken, dass ich die Oberfläche bearbeiten könnte. Das kann ich nur indirekt, indem und solange ich die Regeln der Struktur nicht missachte. Der Rest ergibt sich von alleine, durch reine Intuition.

Auf der körperlichen Ebene kennt das wohl jeder, da nennen wir es Propriozeption. Alleine auf Grund der Tatsache, dass ich mir meiner Finger bewusst bin, weiß, wie die Tasten angeordnet sind, einen Gedanken im Kopf habe und schreiben will, tippe ich auf der Tastatur. Faszinierend und mystisch – und das Normalste von der Welt.

Doch das zu wissen ist das Eine, es auch wirklich anwenden zu können dauert, denn auch da steckt wieder Komplexität drin. Ein anderer kann mir zwar sagen, mit welchem Finger ich welche Taste drücken soll, aber wie ich das bewerkstellige, meine Finger genau so und nicht anderes zu bewegen, das kann mir niemand erklären oder auch nur beschreiben.

„Ich“ weiß ganz genau, was ich tun muss, um den Daumen zu beugen – vorausgesetzt, ich kann es – aber ich weiß definitiv nicht, wie ich das mache. Ich kenne zwar das Ziel und kann es klar beschreiben, doch den Weg dorthin – den kann ich nicht beschreiben, und wenn ich mich noch so sehr bemühe.

Doch welches „Fraktal“ haben die Buche im Garten und ich gemeinsam? Wie ein Baum sehe ich wirklich nicht aus. Ein Baumsprössling und eine Zelle sind extrem unterschiedlich und nicht miteinander vergleichbar – jedoch nur nicht auf der materiellen Ebene! Auf der geistigen Ebene sehr wohl, wobei mit Geist nicht das gemeint ist, was üblicherweise unter „geistig“ verstanden wird.

Sondern eine, wenn Sie so wollen, geistige Regel, wie etwa „Das Prinzip der freien Energie“, das besagt, dass alle Organismen, der natürlichen Tendenz zur Unordnung und Auflösung widerstehen – sonst könnten sie nicht überleben. Ein Weg, das zu gewährleisten, besteht darin, in einer Weise mit der Welt in Kontakt zu treten, so  dass eine innere Struktur entsteht und aufrecht erhalten werden kann.

Durch diese Struktur ist es möglich, in Interaktion mit „der Welt“ zu treten – auf der materiellen Ebene! Die materielle Ebene hat eine ihr zugrunde liegende, geistige Ebene. Die darin auftretenden Fraktale zeigen sich als Prinzipien; und diese Prinzipien gelten für beide (oder alle) Lebensformen.

Manchmal ist es erforderlich, auf der Leiter der Komplexität ganz nach unten zu gehen, also die materielle Ebene zu verlassen und auf die geistige zu wechseln – wobei die nur getrennt erscheinen, weil wir sie gedanklich auseinandernehmen. Das ist notwendig, um etwas zu verstehen, genauso wie ich es wieder „vergessen“ muss, will ich es leben. Ich weiß, dass ich explizites Wissen nicht anwenden kann, nur implizites, also verinnerlichtes, an das ich mich nicht wirklich erinnern kann.

Wie gesagt, die Welt ist nun einmal mystisch. Was mich jedoch nicht in den Mystizismus abdriften lassen darf. Aber zurück: Worüber spreche ich, spreche ich über Ordnung und Organisation? Meist „sehen“ viele dann nur die materielle Seite, nicht aber die geistige. Doch wenn die nicht stimmt, kann auch die materielle nicht stimmen, baut die doch ihrerseits darauf auf und bedingt andererseits die geistige Ebene.

Die Frage ist daher, inwieweit ich hinter den materiellen Erscheinungen die geistigen Prinzipien zu erkennen in der Lage – und auch bereit – bin. Nicht immer einfach, aber machbar.